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Buchvorstellung “Deutscher Alltag in Übersee”
Jeder zweite Deutsche hat schon einmal ans Auswandern gedacht und immer mehr machen es wahr. Die Olawskys wagten diesen Schritt schon vor über 10 Jahren, als ein Auslandsaufenthalt in Amerika sich beinahe ungeplant in eine handfeste Auswanderung verwandelte. Der Autor aus dem Rheinland hatte immer schon eine Vorliebe für Fernreisen, angefangen vom Studium in Süditalien bis hin zur Promotion über eine Minderheitsgruppe in Westafrika. Von da aus geht es Schlag auf Schlag, denn noch während Knut und Michaela Olawsky sich mit ihrem kleinen Sohnemann in der kalifornischen Sonne rekeln, erscheint ein Jobangebot aus Australien. Allerdings geht es nicht um einen Schreibtischjob: Der Auftrag der Melbourner Universität lautet, die Sprache der Urarina-Indianer im Regenwald Perus zu untersuchen und so verbringt die Familie die nächsten fünf Jahre mit einem eindrucksvollen Pendelverkehr zwischen den Kontinenten. Auf ungemein unterhaltsame Art und Weise schildern sie in Briefen und E-Mails an die Daheimgebliebenen ihren ungewöhnlichen Alltag, manchmal zwischen Malariatabletten und Ozonloch, doch meist eher als Wechsel von unberührter Natur und endloser Weite.
Die Freunde und Verwandten finden dies amüsant genug, um Mitteilungen wie etwa die „Jungle News“ und „Australia News“ in ihren Kreisen zu verbreiten. Dazu der Autor: „Da nun offenbar ohnehin halb Deutschland und die Alpenstaaten mitbekommen, was sich in unserem Privatleben abspielt, ist es wohl egal, wenn noch ein paar Leute mehr darüber Bescheid wissen …“. In eine Vielzahl handlicher Abschnitte verpackt wird zum Besten gegeben, was noch von der deutschen Kultur übrig bleibt, wenn man der Reihe nach auf vier Kontinenten lebt.
Die „Notizen aus Westafrika“ zum Beispiel berichten von Schlammschlachten auf dem Motorrad und ziehen nicht nur die unvergesslichen Busfahrten durch den Kakao. Die „California News“ beschäftigen sich anfangs mit „den Amis“, leiten dann jedoch bald auf die Vorbereitungen eines Umzugs nach Australien über und man wird mehr oder weniger schonend auf das bevorstehende Leben zwischen roter Erde und Grüner Hölle vorbereitet. Gefolgt werden diese Schilderungen von den ersten einer Reihe von „Jungle News“, die nun wirklich nicht mehr viel mit dem durchschnittlichen Alltag einer deutschen Familie zu tun haben. Nach den überstandenen Strapazen ins Dorf der Urarinas überwiegt die Spannung zwischen Faszination von der unberührten Schönheit des Dschungels und den unliebsamen Schwierigkeiten („zu jeder Tageszeit ist ein anderes blutrünstiges Insekt aktiv“). Es werden ungeahnte Speisen verzehrt oder Tiere entdeckt, während die Monate im Urwald in einer fremden Kultur vergehen. Ob Taranteln, Blasrohre, Schlangen oder bissige Pekaris – ein Erlebnis jagt das andere. „Von wegen Mikrowelle – wie kriege ich bei dem Klima das Feuer wieder an?“ – Doch das Leben abseits der Zivilisation (es gibt keinen Kontakt zur Außenwelt, denn die ist drei Tagereisen entfernt) hat auch seine idyllischen Seiten, die manche der Daheimgebliebenen vor Neid erblassen lassen. So lernt die Familie selbst Banalitäten wie „Einkaufen“ als Privileg zu schätzen, als sie wieder in die Zivilisation eintaucht.
Der Sprung zurück ins „normale“ Leben findet natürlich in Australien statt. Auf unterhaltsame Art und Weise beschreiben die unverbesserlichen Auswanderer, wie sie den Roten Kontinent und seine Bewohner erleben. Ob man zu Weihnachten bei 37 Grad im Schatten selbst zur Weihnachtsgans wird? Wie der Urlaub zur Roten Mitte im praktischen Wohnmobil zur reißenden Satire wird? – In die richtigen Worte gepackt erscheint es fast so, als wäre man selbst mit dabei gewesen. Angefangen von Bananenkartons im Seecontainer, die zur potenziellen Bedrohung der australischen Sicherheit führen, bis hin zur schwer verdienten Aufenthaltserlaubnis, für welche der Autor kurzerhand ein „Popstarvisum“ beantragen muss – es gibt einiges zu lachen, wenn wahre Begebenheiten wie hier verpackt werden.
Als hätten die Olawskys nicht schon genug Abenteuer erlebt, ziehen sie schließlich innerhalb Australiens noch in den letzten Winkel des Outbacks, diesmal, um den Aborigines des Miriwoongvolkes bei der Erhaltung ihrer Sprache zu helfen. Was anfangs als winziger, einsamer Fleck auf der Landkarte erschien, wird schnell zur neuen Heimat und die anschließenden Berichte aus Kununurra in der abgelegenen Kimberleyregion Westaustraliens fordern die Fantasie der Leser heraus. Plötzlich besteht der „deutsche“ Alltag aus Touren mit Allradantrieb, Krokodilen und Extremklima. Der inzwischen neunjährige Sohnemann geht mit anderen Jungs „von Papas Arbeit“ auf die Jagd nach Waranen und Barramundis und erlebt so manches Abenteuer. Selbst die beinahe alltägliche Entfernung eines großen Baums aus dem Vorgarten wird so zu einer Episode, die sogar aus Deutschland angereiste Besucher im Nu verschleißt. Dann taucht der Leser wieder ein in die endlose Weite der Savanne, tosende Wasserfälle in der Regenzeit und Urlaubserlebnisse „aus der Umgebung“ (zum Strand sind es viereinhalb Stunden quer durch den Busch). Man erfährt, wie man richtig einkauft, wenn die nächste Großstadt (Darwin) knapp 900 Kilometer entfernt ist.
Wer bisher nicht vorhatte auszuwandern, gerät durch dieses Buch ernsthaft in Gefahr, darüber nachzudenken und wer sich liebäugelnd fragt, wie denn das Leben im Ausland wohl aussehen mag, bekommt hier die richtige Anregung. Doch selbst Leser, die „nur“ eine Reise nach Westafrika, USA, Australien oder zum Amazonas geplant haben, ergattern bei der Lektüre einen Blick hinter die Kulissen jenseits der Urlaubsprospekte. |
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